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Ist es okay, wenn Unternehmen in Schulen werben? Jede Gesellschaft müsse selbst entscheiden, wo sie die Grenzen für die Märkte setzt, sagt Michael Sandel. 

M. Sandel: "Firmen spielen in der Förderung einer fairen Gesellschaft eine wichtige Rolle"

Es ist höchste Zeit für einen öffentlichen Diskurs über die wirklich wichtigen gesellschaftlichen Themen, sagt US-Starphilosoph Michael Sandel. Wir führten mit ihm ein Interview am Rande unserer Markenkonferenz.

Professor Sandel, haben Märkte moralische Grenzen?

Michael Sandel: Es gibt moralische Grenzen in regionalen Märkten – und die sollte es auch geben, denn in bestimmten Umfeldern können Märkte „nach hinten losgehen“: sie können wichtige nicht-kommerzielle Werte verdrängen und untergraben. Wie erkennen wir diese Grenzen? Das ist nicht einfach und von einem Lebensbereich zum anderen sehr verschieden. In der Bildung zum Beispiel:  manche Schulen haben kommerzielle Werbung und Markenlogos innerhalb der Schulen oder auf Schulbussen eingeführt. Das führte zu einer Debatte, ob Werbung an Schulen erlaubt sein oder ob diese werbefreie Zonen sein sollten.

Das ist an den Universitäten in den USA auch so. Sie unterrichten dort – haben Sie sich daran gewöhnt?

Michael Sandel: In den USA sind die Grenzen der Märkte weniger stark definiert. Es gibt dort generell weniger Grenzen, und diese sind schwächer als die in Europa. Da gibt es soziale und kulturelle Unterschiede. Der Einfluss der Märkte in fast jeden Lebensbereich hinein ist in den USA am stärksten ausgeprägt, aber in den letzten 30 Jahren konnte man weltweit beobachten, wie dieser Trend sich ausbreitet. Die Vereinigten Staaten sind aber in vielerlei Hinsicht ein extremes Beispiel dafür was passiert, wenn es immer weniger Grenzen gibt.  

Die Frage, wo diese Grenzen liegen sollten, wirft weitere wichtige Fragen auf über die Werte einer Gesellschaft. Wie wichtig sind für sie Bildung, Gesundheit, das bürgerliche Leben oder die Politik? Jede Gesellschaft muss diese Diskussion für sich selbst führen und entscheiden, wo die Märkte dem öffentlichen Wohl dienen und ein nützliches Werkzeug sein können – und wo sie nicht hingehören, wo sie eventuell wichtige nicht-kommerzielle Werte verdrängen können.   

Sie sagen, dass es in Marktgesellschaften keine Fairness gibt. Aber es gibt ja Firmen, die versuchen, sich verantwortungsbewusst zu verhalten und sich für soziale und ökologische Zwecke engagieren. Sie versuchen, fair zu sein. Was halten Sie von solchen Bemühungen?

Michael Sandel: Firmen spielen in der Förderung einer guten und fairen Gesellschaft eine wichtige Rolle. Es gibt zahlreiche Beipiele von Firmen, die ihre moralische Verantwortung gegenüber der Umwelt sehr ernst nehmen und die Wert darauf legen, mit ihren Mitarbeitern, Kunden und Zulieferern fair und ehrlich umzugehen.

Fragen der Fairness gibt es in geschäftlichen Entscheidungen ständig. Manche Unternehmen sind dafür bekannt, dass sie ihrer sozialen Verantwortung beispielhaft nachkommen – andere können viel von ihnen lernen. Es ist wichtig, eine Firmenkultur der sozialen und bürgerlichen Verantwortung und des Umweltbewußtseins zu entwickeln. Und es ist wichtig zu erkennen, dass ein Großteil des Fortschritts auf diesen Gebieten auf solche sozial verantwortlichen Firmenkulturen und Aktivitäten zurückgeführt werden kann.

Haben Sie selbst Firmen kennengelernt die ihre Verantwortung ernst nehmen und als Vorbild für andere dienen könnten – im Gegensatz beispielsweise zu Firmen, in denen lediglich der Geschäftsführer moralische Ideale pflegt?

Michael Sandel: Ich möchte hier keine spezifischen Firmen nennen, aber Sie sprechen einen wichtigen Grundsatz an: es reicht nicht, wenn nur der CEO einen ausgeprägten Sinn für soziale Verantwortung hat. Vielmehr muss die Verantwortung in der gesamten Unternehmenskultur entwickelt werden – und das erfordert Bildungsmaßnahmen.

Finden Sie, dass es in dieser Hinsicht generell vorwärts geht? Wird die Gesellschaft sensibler?

Michael Sandel: Im Allgemeinen müssen wir besser werden. In den letzten Jahrzehnten haben wir nicht viel erreicht. Mit „wir“ meine ich die Öffentlichkeit und die demokratischen Gesellschaften; die haben sich nicht genug mit den großen moralischen Fragen wie Gerechtigkeit in das öffentliche Leben eingebracht. Es gibt natürlich Ausnahmen: Firmen, NGOs und einzelne Bürger, die enorme Beiträge geleistet haben. Aber wir müssen einen Schritt zurücktreten und unsere Gesellschaft als Ganzes betrachten. Wir müssen uns fragen: Reden wir wirklich über die wichtigen Dinge? Oder geht es eher um begrenzte, unmittelbare oder gar aktuell von den Medien gespielte Themen?

In meinen Vorträgen über meine Bücher versuche ich meine Zuhörer dazu zu bewegen, sich abzuwenden von solchen medienrelevanten oder kurzfristig interessanten Themen, die ja leider allzu oft unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Was dabei auffällt ist, dass Business-Führungspersonen und Bürger sich sehr wohl an den Diskussionen über die großen Fragen beteiligen wollen, aber dass es dazu relativ wenig Gelegenheit gibt. Im öffentlichen Diskurs in den den Medien geht es jedenfalls selten um die wirklich wichtigen Themen. Das versuche ich, mit meinen Vorträgen zu ändern. 

Professor Sandel, herzlichen Dank für das Gespräch.


Folgender Beitrag auf Brand Trust Insights enthält weitere Zitate von Michael Sandel sowie Statements aller Referenten der Markenkonferenz, etwa von Jochen Zeitz und Rolf Dobelli:

» Brand Trust Future Circle: Fünf Redner zeigen Wege in die erfolgreiche Markenzukunft


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